Entwicklung und Konzept

gewaltlos - konfliktreich

Zum Konzept des Projekts am Beispiel der israelisch-palästinensischen Dialogseminare 2014   

(Barbara Esser, April 2015)

Zur Geschichte des Projekts ‚Ferien vom Krieg‘

1994, noch während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien, lud das Komitee für Grundrechte und Demokratie1 bosnische und kroatische Waisen- und Flüchtlingskinder zu einer 14-tägigen Erholungsfreizeit an der Adria ein. „Das Komitee setzt damit seine friedenspolitisch orientierte humanitäre Linie der Unterstützung der Ärmsten der Armen und der vom Krieg am meisten betroffenen Flüchtlinge und anderer Zivilisten fort.“ (Vack 1996, 116). Dies war der Beginn des Projekts Ferien vom Krieg. Seitdem finden diese Begegnungen mit den ‚Anderen‘ jeden Sommer statt - im ehemaligen Jugoslawien haben mittlerweile mehr als 20.000 Kinder und Jugendliche daran teilgenommen.

2002, zeitgleich mit dem Höhepunkt der zweiten Intifada, lud Ferien vom Krieg erstmals junge Erwachsene aus Israel und Palästina zu Dialogseminaren nach Deutschland ein. Seit 2002 finden in jedem Jahr zwei Seminare für Männer und Frauen statt – in sieben Jahren war es uns möglich, zusätzlich ein Frauenseminar anzubieten. Insgesamt haben an diesen Begegnungen bisher ca. 2000 junge Menschen teilgenommen.

Israelisch-palästinensische Dialogseminare

Die Seminare werden – nach konzeptioneller Absprache – von ausgebildeten Moderatorinnen und Moderatoren unserer Partnerorganisationen durchgeführt. Die 14-tätigen Seminare finden in der Regel in Deutschland statt und werden von mehreren Vor- und Nachbereitungstreffen in Israel/Palästina eingerahmt.

Auswahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Das Angebot zum Dialog richtet sich an junge Männer und Frauen beider Nationalitäten zwischen 20 und 30 Jahren, die bereit sind, zwei Wochen lang mit den ‚Anderen‘ den Alltag zu teilen und in Seminaren gemeinsam die Geschichte und die verschiedenen Aspekte des Konflikts zu bearbeiten. Die Auswahl treffen palästinensische und israelische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen unserer beiden langjährigen Partnerorganisationen, die sowohl in Israel als auch Palästina (Westbank) arbeiten. Bei der Auswahl gibt es zwei Vorgaben:

  1. Bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern soll es sich möglichst um einen Erstkontakt mit den ‚Anderen‘ handeln.
  2. Es soll ein möglichst breites soziales und politisches Spektrum der jeweiligen Gesellschaften abgedeckt werden.2

Die „Generation Oslo“ – zum Erfahrungshintergrund der Teilnehmenden

Die Generation der heute 20–30 Jährigen hat oftmals in der Kindheit noch die in dem Oslo-Friedensprozess3 gegründete Aufbruchsstimmung und Hoffnung auf eine friedliche Perspektive erlebt. Ihre Jugend war dann aber geprägt von politischer Stagnation und gewalttätigen Eskalationen des Konflikts – die Hoffnung auf eine friedliche Lösung ist in weite Ferne gerückt, die Trennung zwischen beiden Gesellschaften ist umfassend.

Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass junge Menschen aus Israel und Palästina heute zwar mitunter nur wenige hundert Meter voneinander entfernt aufgewachsen sind und leben, trotzdem haben sie die ‚Anderen‘ nie im Alltag kennengelernt. In ihrem bisherigen Leben sind sie einander nur in den Rollen gegenüber getreten, die der Konflikt ihnen aufgezwungen hat. Der Alltag der Palästinenser in der Westbank ist stark beeinflusst durch die andauernde israelische Besatzung, junge Israelinnen und Israelis werden zum Militärdienst verpflichtet. Bei einem Aufeinandertreffen zum Beispiel an einem der zahlreichen Checkpoints, muss eine israelische Soldatin in ihrer Funktion eine gleichaltrige palästinensische Studentin kontrollieren; was für diese Demütigungen und Erniedrigungen bedeutet. Allen vertraut sind Ängste und Feindbilder. Jederzeit abrufbar sind Gefühle von Bedrohung und Ausgeliefertsein bei Militärangriffen oder Selbstmordattentaten, viele haben traumatische Erfahrungen machen müssen.

Die Vorstellungen über die Menschen auf der „anderen Seite“ werden nicht nur durch neuerliche Eskalationen des Konflikts wie im Sommer 2014 geprägt, sondern auch durch das fast völlige Fehlen von Begegnungen auf ziviler Ebene. Die Unkenntnis über das soziale oder kulturelle Leben der „Anderen“ führt zu deren Entmenschlichung.

„Die Aktion ‚Ferien vom Krieg‘ lässt sich in kein Solidaritätskorsett einbinden, ist aber in streitbarem Pazifismus solidarisch mit den Opfern von Krieg und Gewalt. Diese erfahren dabei häufig, dass ‚die anderen‘ ähnliche Erschütterungen erleben mussten wie sie selbst. Manchmal können sie ihre eigene Lebensgeschichte erst im Spiegel der Biografien der angeblichen Feinde begreifen.“ (Dieter 2005, 89).

Rahmenbedingungen für einen Dialog – Gleichheit als demokratische Grundvoraussetzung

Die Asymmetrie des politischen Kräfteverhältnisses, die vor Ort die Lebenssituation der Teilnehmerinnen und Teilnehmer prägt, muss aus unserer Sicht bei den Dialogseminaren konzeptionell Beachtung finden. Für die Durchführung bedeutet dies, dass die Rahmenbedingungen so gestaltet sein müssen, dass die Regeln, die das Kräfteverhältnis daheim bestimmen, bei den Begegnungen außer Kraft gesetzt sind.

„Wenn der zugrunde liegende Konflikt nicht symmetrisch ist, kann es natürlich auch ein solches Seminar zu Beginn nicht sein. Es geht auch hier (vordergründig) um Dominanz und Definitionsmacht. Es geht darum, worüber legitim eigentlich diskutiert werden darf und über was – und sei es‚ um des ‚lieben Friedens willen‘ – lieber nicht gesprochen werden sollte. […] Dialoge sind – im Gelingensfalle – das Ergebnis solcher Seminare, aber nicht die Eingangsbedingung.“ (Pusch 2008, 61).

Damit es zu einem solchen Ergebnis kommen kann, finden die Seminare außerhalb der Nahostregion, in der Regel in Deutschland, statt – darüber hinaus gäbe es dort auch keinen Ort, an dem junge Menschen aus Israel und Palästina zwei Wochen lang gefahrlos zusammen sein und sich austauschen können. Nach den Prinzipien von Symmetrie und Gleichheit arbeiten auch unsere Partnerorganisationen: bei jeder gibt es zwei KoordinatorInnen – eine/n auf israelischer und eine/n auf palästinensischer Seite. Entsprechendes gilt für die Seminare: diese werden jeweils von einem/r PalästinenserIn und einem/r Israel/in gemeinsam moderiert. Damit sich die Teilnehmenden während der Seminare in ihrer Muttersprache ausdrücken können, wird in den meisten Gruppen durch professionelle DolmetscherInnen vom Hebräischen ins Arabische und umgekehrt übersetzt.4

Die Rahmenbedingungen für die Seminare so zu gestalten, dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beider Seiten auf Augenhöhe begegnen können, ist nicht nur in finanzieller Hinsicht sehr aufwendig. Wir sehen darin aber eine Grundvoraussetzung dafür, dass ein Dialog gelingen kann.

Die Seminare

Zu Beginn werden die Teilnehmenden in Gruppen5 mit jeweils gleichem Anteil PalästinenserInnen und Israelis (m/f) aufgeteilt. Innerhalb dieser Gruppen, die über die gesamte Zeit des Seminars bestehen bleiben und von je zwei ModeratorInnen begleitet werden, läuft ein Großteil der Seminararbeit ab.
In den ersten beiden Tagen gibt es Warm-up-Aktivitäten, außerdem sollen die TeilnehmerInnen ihre Motivation, Erwartungen, Befürchtungen und Hoffnungen bei dieser Begegnung hinterfragen und einander mitteilen.
Am dritten Tag teilen die Gruppenmitglieder ihr persönliches Narrativ: jede/r einzelne schildert mit eigenen Worten, was sie/ihn mit dem Land, der Nationalität verbindet, aber auch eigene Erfahrungen mit Vorurteilen, Feindseligkeit und Gewalt. Diese Phase ist für den weiteren Verlauf des Gruppenprozesses elementar: sie öffnet den Blick auf die ‚fremde Realität‘, die Weltsicht der ‚Anderen‘. Gleichzeitig wirkt vieles beunruhigend, droht es doch, das eigene Narrativ in Frage zu stellen. Gerade nach solchen Diskussionen ist es wichtig, das letzte der täglichen (vier) Einheiten im uni-nationalen Rahmen durchzuführen. Im ‚Schutz‘ der eigenen Community sprechen viele über ihre Zweifel und Unsicherheiten und können diese mit ihren ModeratorInnen reflektieren.
Bei der vierzehntägigen Begegnung folgt meist auf drei Seminartage ein Ausflug. Gemeinsam  erkunden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Köln und Brüssel und erleben dabei zusammen mit den ‚Anderen‘ einen ganz normalen Tag – unter fast ‚normalen‘ Umständen.

Die Begegnungen 2014 waren von dem Krieg und der Gewalt in Gaza und Israel überschattet. Auf beiden Seiten gab es Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die in ihrem persönlichen Umfeld Opfer zu beklagen hatten. Um den damit verbundenen Fragen Raum zu geben, entschied sich das Moderatorenteam in der ersten Woche für einen Seminartag ohne Themenvorgabe. Es entfesselte sich eine erhitzte Diskussion über Gewalt in Israel und Gaza, sowie um Schuld, Verantwortung und Gerechtigkeit. Die Frage nach berechtigter Gewalt als einem letzten Mittel stand dabei im Vordergrund. Beide Seiten verteidigten dabei den Einsatz von Gewalt als Mittel, die Bevölkerung, aber auch nationale Interessen zu verteidigen.
Nach dem persönlichen Narrativ werden an weiteren Tagen das familiäre und das kollektive Narrativ vorgestellt. Die Gegenüberstellung der Familiengeschichten offenbart Gemeinsamkeiten – beide Gesellschaften sind geprägt durch Flucht und Vertreibung –, zeigt aber gleichzeitig auch die Widersprüche. So wird die Staatsgründung Israels im Jahr 1948 von den Israelis noch heute gefeiert, von den Palästinensern aber als „Nakba“, ihre Katastrophe bezeichnet.   

Um die Präsentation des kollektiven Narratives vorzubereiten, arbeiten die Gruppen zunächst getrennt. Zu entscheiden, welche Ereignisse die Geschichte beeinflusst haben und die Realität ihrer Gesellschaften noch heute prägen, ist immer eine große Herausforderung. 2014 war das Resultat auf beiden Seiten eine historische Darstellung, gespickt mit Daten, Namen und Orten, eine Schilderung scheinbar unumstößlicher, wissenschaftlicher Fakten. „Interessanterweise enthielt das kollektive Narrativ beider Seiten fast keine ‚weichen‘ Wahrheiten bezüglich Empfindungen, Gefühlen oder Bedürfnissen“ (eine Moderatorin).  Beim uni-nationalen Treffen am Ende des Tages wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ermutigt, sich selbst und ihre eigenen Vorurteile zu hinterfragen und ihre eigenen, emotionalen Reaktionen vor dem Hintergrund des Dialogs zu reflektieren.
Die uni-nationalen Treffen spielen eine signifikante Rolle beim Veränderungsprozess der Teilnehmer. Sie bieten ihnen den Raum, ihren Frust, ihre Zweifel, ihre Hoffnung und ihre Wut in Bezug auf sich selber, die Gruppe oder den Konflikt und seine verheerenden Auswirkungen, zu äußern. Der einzelne ist nicht alleine, denn alle anderen durchlaufen den gleichen Prozess. Auf einer Makro-Ebene bedeutet dies, dass der Prozess jedes einzelnen Einfluss auf die Gruppe hat. Es entsteht ein Mikro-Kosmos, der die Realität widerspiegelt. Die Teilnehmer haben die Möglichkeit, auf persönlicher Ebene und gleichzeitig übergeordnet die Beziehung zwischen dem „Ich“ und „Wir“ in Bezug auf den Konflikt sowie dessen Wahrnehmung und die Möglichkeiten der Veränderung zu erleben.

Am Ende des Seminares gelang es den TeilnehmerInnen trotz des andauernden Krieges bei fiktiven Friedensverhandlungen ein gemeinsames Abkommen zu erzielen. Einleitend schrieben sie: „Trotz der Kriegsatmosphäre und durch Mord verursachtem Schmerz; trotz des Fehlens von Sicherheit speziell in den vorangegangenen Monaten und generell während der seit Jahren andauernden Besatzung; trotz einer Atmosphäre, die Verachtung hervorruft, und sich hinter einer Kultur der Rache verschanzt; trotz der Atmosphäre von Hass und Verzweiflung hat eine Gruppe junger Enthusiasten beschlossen, die Besatzung und die Gewalt zu beenden.“6

Anmerkungen

1   www.grundrechtekomitee.de
2  Auf palästinensischer Seite kommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Westbank und aus Israel (sogenannte „48er“ mit israelischem Pass). Sie gehörenverschiedenen Religionsgemeinschaften an: muslimisch, christlich, drusisch.
Die Israelis haben unterschiedliche Einwanderungshintergründe. Sie kommen aus aschkenasischen Familien (nicht wenige mit Holocaust-Hintergrund) und sephardischen, manche kommen aus dem Jemen oder aus nordafrikanischen Ländern, andere aus der ehemaligen Sowjetunion, wo sie selbst noch ihre Kindheit und frühe Jugend verbracht haben. Auch das politische Spektrum beider Gesellschaften soll möglichst breit abgebildet werden. Zudem wird seitens unserer Partnerorganisationen darauf geachtete, dass möglichst keine ‚Friedensaktivistinnen und 'aktivisten‘ an den Dialogseminaren teilnehmen.
3  Im Rahmen des Oslo-Friedensprozesses kam es in der ersten Hälfte der 1990er Jahre zu einer Reihe von Abkommen zwischen Palästinensern und Israel zur Lösung des Nahostkonflikts. 1993 erkannten beide Seiten einander offiziell an – die israelische Seite akzeptierte die PLO als offizielle Vertreterin der Palästinenser, die PLO verpflichtete sich, aus ihrer Charta die Passagen zu streichen, die die Vernichtung Israels als Ziel formulierten. Mit der Erschießung des israelischen Ministerpräsidenten Rabin (1995) und der anschließenden Wahl des rechtskonservativen Likud stagnierte der Friedensprozess und kam zum Erliegen.
4  Durch die Arbeit mit Übersetzern soll verhindert werden, dass Fremdsprachenkenntnisse, in diesem Fall Englisch, Voraussetzung für die Teilnahme an den Seminaren sind. Diese sollen nicht jungen Menschen mit entsprechender Schulbildung vorbehalten sein. Mehrere Beobachter berichten außerdem, dass die TeilnehmerInnen in ihrer Muttersprache emotionaler agieren.
5  Im vergangenen Jahr lag die Gruppengröße bei 22 Personen. Für die Seminare im Sommer 2015 planen wir eine Gruppengröße von maximal 16 Teilnehmerinnen bzw. Teilnehmern.
6  Ausführliche Informationen über die Seminare: www.ferien-vom-krieg.de.

 

Literatur

Dieter, Helga (2005): Ferien vom Krieg – Schritte zur konkreten Utopie einer friedlichen Welt, in: Zimmer, Manfred (Hrsg.): Religion und Politik im Zeichen von Krieg und Versöhnung - Beiträge und Materialien zur Jahrestagung der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft, Bad Marienberg/Westerwald, 27. bis 29. Mai 2005, Norderstedt, S. 60-92.
Pusch, Rüdiger (2008): „Der Mensch wird am Du zum Ich“ (Martin Buber), in: Komitee für Grundrechte und Demokratie e.V. (Hrsg.): Berichte über die Aktion Ferien vom Krieg im Sommer 2008, Köln, S. 59-63.
Vack, Klaus (1996): Ferien für bosnische und kroatische Kinder, in: Komitee für Grundrechte und Demokratie e.V. (Hrsg.): Friedenspolitik mitten im Krieg. Das Exempel Ex-Jugoslawien, Sensbachtal, S. 116-117.